Grafik: René Sonderegger, mit KI-Unterstützung erstellt
Kurz gesagt: Wer die Steuererklärung mit KI ausfüllen lässt, schickt Lohnausweis, Belege und Kontoauszüge meist an einen Anbieter in den USA oder in China. Privat ist das erlaubt. Ich rate trotzdem davon ab, denn die Unterlagen enthalten Gesundheitskosten und die Konfession, also besonders schützenswerte Daten. Stellen Sie der KI allgemeine Fragen und lassen Sie Ihre Zahlen im kantonalen Steuerprogramm.
Was ist ein «Steuer-Skill» für die KI?
Vor ein paar Tagen habe ich mich kurz hingelegt und auf Instagram ein Video gesehen. Jemand bietet kostenlos einen «Steuer-Skill» für eine KI an. Ich dachte: Warum nicht? Ich habe ihn heruntergeladen und angeschaut. Dabei sah ich, dass er für Arbeitnehmende in Deutschland und Österreich mit überschaubaren Fällen gedacht ist, nicht für die Schweiz. Ein Skill ist eine fertige Anleitung für die KI, manchmal mit kleinen Programmen dazu. In diesem Paket stecken elf Skills, jeder mit seinem Job:
- Belege sortieren, Fotos, Scans und PDFs in eine Belegliste bringen
- Kontoauszug prüfen und berufliche Ausgaben im Export finden
- Arbeitsweg, Homeoffice- und Bürotage erfassen
- Berufskosten, Haushalt, Familie und alte Jahre ansehen
- Formulare für die Abgabe vorbereiten
Die Anleitung dazu sagt sinngemäss: Laden Sie Ihre anonymisierten Unterlagen in den Chat, fügen Sie den Start-Auftrag ein, prüfen Sie die Angaben und geben Sie selbst ab. Ich finde es gut, dass Leute so etwas teilen, und das Angebot ist ehrlich: Es weist selbst darauf hin, dass alles, was man der KI zeigt, an den eigenen KI-Zugang geht. Man muss nur wissen, was das bedeutet.
Was passiert mit meinen Daten, wenn die KI die Belege liest?
Sobald die KI eine Datei ausliest, liegt sie beim Anbieter. Die KI rechnet nicht auf Ihrem Computer, sondern im Rechenzentrum des Anbieters. Ein Beispiel: Laut der Datenschutzerklärung von Anthropic (Anbieter von Claude, gültig ab 10.09.2026) werden Personendaten auf Server in den USA übermittelt. Eingaben dürfen zum Training der KI verwendet werden, wenn Sie das in den Kontoeinstellungen nicht abschalten. Gelöschte Chats werden laut Anbieter innert 30 Tagen entfernt. Bei ChatGPT lesen Sie die Datenschutzhinweise von OpenAI und prüfen die gleichen Punkte.
Ob der Anbieter sorgfältig mit Ihren Daten umgeht, ist dabei nicht die Frage. Die Frage ist, ob sie dort überhaupt hingehören.
Wohin gehen die Daten, je nach KI-Anbieter?
Das hängt davon ab, welche KI Sie nutzen. Es gibt amerikanische, chinesische, europäische und auch Schweizer Anbieter:
| Herkunft | Beispiele | Was der Anbieter sagt |
|---|---|---|
| USA | ChatGPT, Claude, Gemini | Bei Claude werden Personendaten laut Datenschutzerklärung in die USA übermittelt. Bei den anderen selbst nachlesen. |
| China | DeepSeek | Daten werden laut Datenschutzerklärung (Stand 10.02.2026) in China erhoben, verarbeitet und gespeichert. |
| Schweiz | Euria von Infomaniak | Verarbeitung und Speicherung laut Infomaniak nur in eigenen Rechenzentren in der Schweiz, keine Daten fürs Training. |
Euria kann laut Infomaniak auch PDF-, Word- und Excel-Dateien lesen und zusammenfassen. Die Daten blieben damit in der Schweiz. Die übrigen Punkte in diesem Beitrag gelten trotzdem: Gesundheitsdaten bleiben heikel, auch eine Schweizer KI kann sich irren, und die Haftung liegt bei Ihnen.
Mir geht es nicht darum, KI schlechtzumachen. Klären Sie aber, wohin Ihre Daten gehen, bevor Sie etwas hochladen, und nicht erst, weil es einfacher scheint. Sonst wundert man sich später, wo die eigenen Unterlagen gelandet sind.
Welche Daten stecken in einer Steuererklärung?
Mehr, als man auf den ersten Blick denkt. Das Formular des Kantons St. Gallen (Musterfall 2025) fragt unter anderem nach:
| Angabe | Warum heikel |
|---|---|
| Name, Adresse, Geburtsdatum, Zivilstand | Sie sind eindeutig erkennbar |
| Beruf, Arbeitgeber, Lohn | Einkommen und Arbeitsort |
| Vermögen, Konten, Schulden | Ihre ganze finanzielle Lage |
| Partnerin oder Partner, Kinder | Daten von Menschen, die nicht gefragt wurden |
| Krankheits- und Unfallkosten (Ziffer 21.1) | Gesundheitsdaten, besonders schützenswert |
| Konfession (wegen der Kirchensteuer) | religiöse Ansichten, besonders schützenswert |
Daten über die Gesundheit und über religiöse Ansichten gelten nach Art. 5 lit. c DSG als besonders schützenswerte Personendaten. Krankheitskosten können Sie nach Art. 33 Abs. 1 lit. h DBG abziehen, soweit sie 5 Prozent der Einkünfte nach Abzügen übersteigen. Wer das tut, legt Arztrechnungen und Apothekenbelege bei.
Darf ich das überhaupt?
Ja. Das Datenschutzgesetz gilt nicht für Personendaten, die eine Privatperson ausschliesslich zum persönlichen Gebrauch bearbeitet (Art. 2 Abs. 2 lit. a DSG). Was Sie mit Ihrer eigenen Steuererklärung tun, entscheiden Sie selbst. Denken Sie dabei an Ihre Partnerin oder Ihren Partner: Deren Lohn und Belege gehen mit. Fragen Sie vorher.
Meine Meinung: Diese Daten haben bei einem KI-Anbieter in den USA oder in China nichts zu suchen. Es genügt mir, dass ich meine Daten dem Steueramt offenlegen muss. Warum sollte ich sie noch jemand anderem geben? Datenschutz beginnt beim Einzelnen, nicht erst in der Firma. Hätte jeder seine Daten etwas besser geschützt, bräuchten wir nicht so viele Datenschutzgesetze. Wer seine Steuerunterlagen so locker herausgibt, könnte die Steuererklärung auch gleich öffentlich machen. Ich bin in den letzten Jahren vorsichtiger geworden, wohin meine Daten gehen. Meine eigenen Steuerunterlagen lade ich nicht in eine KI.
Hilft es, die Unterlagen zu anonymisieren?
Kaum. Anonymisieren heisst: Namen und Zahlen durch Platzhalter ersetzen. Dann fehlen der KI aber genau die Angaben, die sie für die Steuererklärung braucht:
- Ohne Lohn und Arbeitgeber kann die KI die Berufskosten nicht einordnen.
- Ohne Wohn- und Arbeitsort lässt sich der Arbeitsweg nicht berechnen.
- Ohne Kinder und Zivilstand fehlen die Familienabzüge.
- Eine Arztrechnung ohne Namen ist immer noch eine Arztrechnung mit Diagnose oder Behandlung.
Wer IBAN und AHV-Nummer schwärzt, hat den kleinsten Teil geschafft. Wer will schon jeden Beleg Zeile für Zeile abdecken, nur um eine Auskunft zu bekommen? Und dem Steueramt reichen Sie die Belege ohnehin so ein, wie Sie sie erhalten haben, ungeschwärzt.
Wie sicher sind fremde Skills?
Ein Skill von einer unbekannten Person ist eine Anleitung, die Ihre KI befolgt, und manchmal enthält er Programme, die auf Ihrem Computer laufen. Das Steuer-Paket aus dem Video bringt zum Beispiel mehrere kleine Programme mit. Sie lassen damit fremde Anweisungen auf Ihre vertraulichsten Unterlagen los. Das muss nicht böse gemeint sein. Prüfen sollten Sie es trotzdem:
- Lesen Sie die Anleitung vor dem Einsatz oder lassen Sie sie von einer Fachperson prüfen.
- Geben Sie keinem Skill Zugangsdaten zu Steuerportal, Bank oder E-Mail.
- Installieren Sie nur, was Sie verstehen, und entfernen Sie es danach wieder.
Wer haftet, wenn die KI sich irrt?
Sie. Mit der Unterschrift bestätigen Sie, dass die Steuererklärung «vollständig und wahrheitsgetreu ausgefüllt» ist (so steht es im Formular). Übersieht die KI einen Abzug, zahlen Sie zu viel. Erfindet sie einen, tragen Sie die Folgen. Das Angebot aus dem Video sagt das selbst: keine Steuerberatung, Angaben prüfen und selbst abgeben.
Lohnt sich die Steuererklärung mit KI in der Schweiz?
Wenig. In Deutschland und Österreich läuft die Steuererklärung anders, der Datenschutz-Punkt gilt aber gleich. In der Schweiz stellen die Kantone eigene Programme gratis zur Verfügung, zum Beispiel:
- eTax ist laut Betreiber für Steuerpflichtige kostenlos, wird von 13 Kantonen genutzt und übernimmt Stammdaten, Wertschriften und Liegenschaften automatisch ins neue Jahr. Die Daten liegen verschlüsselt in der Schweiz.
- E-Tax SG läuft im Browser, übernimmt die Vorjahresdaten automatisch und nimmt Belege direkt entgegen. Angemeldet wird mit dem Behördenlogin AGOV.
Wichtig: Diese Programme sind keine KI. Es sind digitale Formulare, die beim Ausfüllen helfen, rechnen und die Vorjahreswerte übernehmen. Die Daten bleiben in der Schweiz und gehen beim Klick auf «Übermitteln» direkt ans Steueramt. Gelöst ist das je nach Kanton unterschiedlich. Ich fülle seit vielen Jahren Steuererklärungen für die Kantone Appenzell Ausserrhoden, Basel-Stadt und Basel-Landschaft direkt in der Webanwendung des Kantons aus. Gegen diese Unterstützung habe ich nichts. Früher gab es ein Papierformular und keine Hilfe. Heute geht es am Computer schneller, und die Daten gehen nur dorthin, wo sie hingehören.
Wer seine Steuererklärung jedes Jahr im kantonalen Programm macht, hat die meisten Zahlen schon drin. Der Zusatznutzen einer KI ist klein, der Preis dafür sind Ihre Daten.
Was gilt für Treuhänder und Berater?
Hier wird es ernst. Wer Steuerunterlagen von Kundinnen und Kunden in eine KI lädt, bearbeitet fremde Personendaten, und das Datenschutzgesetz gilt voll. Der KI-Anbieter ist dann Auftragsbearbeiter und braucht einen Vertrag (Art. 9 DSG). Die Bekanntgabe in die USA ist nur unter den Voraussetzungen von Art. 16 DSG zulässig. Wer geheime Personendaten aus seinem Beruf vorsätzlich offenbart, riskiert auf Antrag eine Busse bis 250'000 Franken (Art. 62 DSG). Ein privates Gratiskonto ist dafür keine Grundlage.
Was kann ich stattdessen tun?
1. Allgemein fragen, ohne eigene Zahlen. Die KI erklärt Begriffe und Regeln gut. Zum Beispiel: «Welche Abzüge gibt es in meinem Kanton für den Arbeitsweg mit dem Auto?» oder «Was ist der Unterschied zwischen Pauschal- und effektiven Berufskosten?» Prüfen Sie die Antwort in der Wegleitung Ihres Kantons.
2. Ihre Zahlen im kantonalen Programm lassen. Dort sind sie ohnehin, und dort gehen sie nur ans Steueramt.
3. Einstellungen prüfen. Wenn Sie KI nutzen, schalten Sie in den Datenschutzeinstellungen ab, dass Ihre Chats zum Training verwendet werden, und löschen Sie Chats, die Sie nicht mehr brauchen.
4. Bei Unklarheiten nachfragen. Das Steueramt Ihrer Gemeinde gibt Auskunft, bei komplizierteren Fällen hilft eine Treuhänderin oder ein Treuhänder.
5. Für echte Daten den Arbeitsplatz richtig einrichten. Wer KI im Geschäft regelmässig mit Kunden- oder Finanzdaten nutzen will, braucht eine passende Version mit Vertrag, abgeschaltetem Training und klaren Regeln, was hineindarf.
Wann reicht diese Antwort nicht?
Dieser Beitrag ist keine Steuerberatung. Bei selbstständiger Erwerbstätigkeit, Liegenschaften, Einkommen aus dem Ausland, Erbschaften oder einer Trennung lohnt sich eine Fachperson, mit oder ohne KI. Und die Datenschutzregeln der KI-Anbieter ändern sich häufig. Lesen Sie die aktuelle Fassung, bevor Sie etwas hochladen.
Kurz zusammengefasst
- Was die KI ausliest, liegt beim Anbieter. Klären Sie vorher, wo: USA, China oder Schweiz.
- Steuerunterlagen enthalten Gesundheitskosten und die Konfession, das sind besonders schützenswerte Daten.
- Anonymisieren klappt bei der Steuererklärung kaum, und die Haftung bleibt bei Ihnen.
- In der Schweiz sind die kantonalen Programme gratis und übernehmen die Vorjahreswerte. Fragen Sie die KI allgemein, nicht mit Ihren Zahlen.
Sie möchten KI im Geschäft mit echten Daten nutzen, ohne sie unnötig herauszugeben? Ich arbeite zurzeit an einem Angebot, das genau hier ansetzt: ein KI-Arbeitsplatz mit Datenschutz, eingerichtet an Ihrem eigenen Gerät. Mehr dazu in den nächsten Wochen. Fragen beantworte ich gerne schon jetzt.
Quellen: Datenschutzgesetz (DSG) · Bundesgesetz über die direkte Bundessteuer (DBG) · Anthropic: Datenschutzerklärung · eTax · Kanton St. Gallen: E-Tax SG · Musterfall Steuererklärung 2025 SG · DeepSeek: Privacy Policy · Infomaniak: Medienmitteilung Euria (09.12.2025) · Stand 30.10.2026